Contrastate interview from Auf Abwegen Magazine #24 1998 by Zipo
Vielleicht war es doch keine so gute Idee, mich mit Stephen Meixner ausgerechnet in einer irischen Bar im Londoner Westend zu treffen. Jene Etablissements zeichnen sich zwar durch urgemütliche Einrichtungen und leckere Getränke aus, sind meistens aber auch laut und voll. So auch an jenem Abend, zu dem Stephen mich eingeladen hatte, um vom kommenden Contrastate-Album Todesmelodie zu erzählen.
SM=Stephen Meixner/Contrastate, AA=AufAbwegen
AA: Wie ich hörte werden Contrastate auf der Compilation des Black-Magazins vertreten sein. Wie kam es dazu?
SM: Ich kannte Thomas von einem Interview, was er mit uns führte. Seither bleiben wir in Kontakt und wir wurden eingeladen, auf der Compilation einen Track beizusteuern. Ich muß gestehen, daß ich 80% der anderen teilnehmenden Bands nicht kenne, da sie wohl alle eher aus dem Düster-/Gothic-Bereich stammen. Aber für uns ist es mal interessant, auch auf solch einer Zusammenstellung vertreten zu sein. Denn auf reinen Experimental-Compilations kennen dich die Leute meistens vorher sowieso schon, während auf gemischteren Sachen eher die Möglichkeit besteht, daß noch neue Leute auf uns aufmerksam werden.
AA: Erzähl mir vom kommenden Album Todesmelodie. Ist es bereits fertig eingespielt?
SM: Oh ja, das Album ist soweit im Kasten. Auch abgemischt wurde das Material schon. Allerdings muß ich mich nun noch um das Artwork kümmern. Eigentlich sollte die Platte dann im November erscheinen, wenn alles gutgeht. Das Hauptthema des Albums geht auf ein Buch von Robert Irvine zurück, mit dem Titel "The Mysteries of Algiers", welches von der Revolution in Algerien im Jahre 1961 handelt. Es geht dort um einen Doppelagenten, der sowohl für die französische Armee tätig ist als auch Informationen an die FLN weitergibt. Im Grunde geht es um diese eine Person; sein Geisteszustand wird sehr eindringlich beschrieben in diesem exzellenten Buch. Wir haben einige Aspekte der Story des Buches genommen und versucht, sie in den heutigen Kontext zu übertragen. Grundlegende Themen, wie z.B. Revolutionen haben uns dabei interessiert. Wir haben diese als Kern herausgegriffen und mit Ideen aus anderen Bereichen kombiniert, wie z.B. aus den Dollar Movies von Sergio Leone. Wir haben versucht, einige der grundlegenden Ideen in diesen Werken auf unsere Weise zu aktualisieren. Es sind vier Tracks auf dem Album und jeder dieser Tracks wird mit einem Abschnitt oder Kapitel des Buches korrespondieren.
AA: Wie kam es, daß ihr euch für Algerien interessiert habt? Ist doch eher ungewöhnlich.
SM: Es war eher das Buch, welches unser Interesse weckte als daß es vom Land selbst ausgegangen wäre. Robert Irvine ist Geschichtsprofessor und er hat Bücher über verschiedene Themen geschrieben, die sehr unterschiedlich waren. Manche seiner Romane sind sehr surreal. Ein Klassiker war auch "Arabian Nightmares". Ich glaube, daß orientalische Geschichte eine seiner Spezialitäten ist. Das Tolle an Irvines Büchern ist, daß er in ihnen einen sehr faktenreichen, historischen Hintergrund zeichnen kann, vor dem die erfundenen Charaktere dann agieren. So auch in dem Buch, was wir verwendet haben - er führt den Helden in die Zeit der algerischen Revolution ein. Dieser Kerl ist ein kaltblütiger Killer der schließlich auffliegt. Aber wie Irvine beschreibt, was der Kerl durchmacht und wie er zur Maschine wird und aus welchen Motiven heraus er handelt, ist sehr lebhaft beschrieben. Der Agent ist ein Offizier, der im Indochina-Krieg in Viet-Kong-Gefangenschaft war und dort völlig mit marxistischen Parolen indoktriniert wurde. Also begeht er in der algerischen Revolution seinen Verrat aus seinen Überzeugungen heraus, indem er sich einredet, daß jedes Mittel zum Zweck recht ist und für jede Situation ein passendes Engels-Zitat parathält. Das Ganze ist sehr spannend zu lesen und wurde in den späten 60ern auch verfilmt, als "The Battle Of Algiers". Wir haben Aspekte der Beschreibungen in dem Buch auf moderne Verhältnisse übertragen. Also in etwa Überlegungen, wie bestimmte ideologische Prinzipien im Denken und Handeln der Leute zum Dogma werden, wie z.B. im Irak, wo Selbstmordkommandos operierten. Die Leute kämpfen aus Überzeugungen heraus, für deren Umsetzung ihnen jedes Mittel recht ist. Der Grund aus dem sie kämpfen ist ihr Dogma. Sie sind unfähig auch bei auftretenden neuen Informationen oder veränderten Verhältnissen ihre Handlungsweisen anzupassen. Der Grundton könnte in etwa lauten, daß es schön und gut ist, Prinzipien und einen Glauben zu haben, aber daß man in diesen Idealen den Veränderungen in der Welt Rechnung tragen muß. Es geht darum, daß man in der Lage sein muß, seine Werte im Zuge neuer Erfahrungen und Erkenntnisse zu relativieren, um nicht einem Dogma zu verfallen, wie es z.B. der Stalinismus war.
AA: Wie paßt denn dann der deutsche Titel, Todesmelodie, zum Album, wenn es sich dort vor allem um die algerische Revolution dreht? Als ich den Albumtitel hörte, vermutete ich eine Brecht-Adaption durch Contrastate oder ähnliches...
SM: Wie ich ja sagte, reflektieren die vier Tracks des Albums Abschnitte oder Episoden im Buch Irvines. Das Buch selber versucht die Geschehnisse in Algerien ausgewogen widerzuspiegeln, ohne Partei für eine der Seiten zu ergreifen. So bleibt dann nur die blutige Realität einer Revolution, in der es natürlich auch um den Tod geht. Außerdem haben uns auch Filme wie "Für eine handvoll Diamanten", wo es ja grob auch um Revolution in Mexiko geht, beeinflußt. Zufälligerweise stieß ich auf eine Soundtrack-CD zu den Dollar-Filmen von Leone, die den Titel "Todesmelodien" trägt. Das paßte einfach bestens zu unserer Musik und deshalb kam der Titel so zustande.
AA: Wer sind denn die Tiger Lillies?
SM: Das ist eine ziemlich freakige Londoner Band, die hier sehr beliebt sind und live eher in Richtung Kabarett gehen. Sie treten in der Besetzung Kontrabass, Akkordeon und Schlagzeug auf und es ist immer sehr lebhaft. Vor vier Jahren waren John und ich mal was trinken in einem Pub, in dem auch Konzerte stattfanden. Dort traten zufällig die Tiger Lillies auf und wir haben sie uns angeschaut. Wir waren begeistert und wir versuchten sie öfter live zu sehen bei ihren zahlreichen Pub-Gigs in London. Irgendwann lernten wir die Band kennen und unterhielten uns über die Möglichkeit einer Zusammenarbeit. Inzwischen haben die Tiger Lillies so etwas wie Kultstatus erlangt, und das über die Grenzen von London hinaus. Ich habe mir sagen lassen, daß sie sogar in Deutschland viele Live-Auftritte hatten. Es gibt mittlerweile 4 CDs von ihnen.
AA: Ich fand, daß der Split Release Goodbye Great Nation etwas in Richtung Nurse With Wound ging. Zum einen weil der Sound insgesamt sehr kollagenhaft war und auch, weil etwas Humor ins Spiel kam...
SM: Wir hatten ebenfalls sehr viel Spaß daran, mit den Tiger Lillies zusammenzuarbeiten und wir halten die Zusammenarbeit auch für gelungen. Ich glaube aber, daß beide Gruppen Humor besitzen, auch wenn das bei den Tiger Lillies vielleicht deutlicher wird. Ihr Humor spiegelt sich schon in der Musik, die sie machen und er ist sehr direkt und geradlinig. Mit uns ist es alles ein wenig verdeckter; der Humor kommt vielleicht sehr subtil rüber. Beim Endmix hatte ich die verschiedenen Tapes und wollte beide Bands gleichwertig behandeln, weshalb es zu einer Art von Kollage gekommen ist. Es waren verschiedene angedachte Ideen, die ich zu einem Gesamttrack zusammenfügen mußte. Ich bin zwar ein großer Nurse With Wound-Fan, würde aber doch sagen, daß diese Platte etwas anders klingt.
AA: War denn Goodbye Great Nation als ein Kommentar auf die Zustände in England zur Zeit der Veröffentlichung (1996) gemeint oder ging es um weniger direkte Dinge?
SM: Nein, man kann das schon so verstehen. Das Ganze war vor allem gegen die Institution der Monarchie gerichtet und gegen andere Institutionen im Staat, mit denen diese eng verbunden ist, wie z.B. der Kirche oder aber dem House of Lords.
AA: War das denn als direkte Kritik gedacht?
SM: Die EP erschien zu einem Zeitpunkt, wo besonders die jüngeren Mitglieder der königlichen Familie sehr viel schlechte Presse abbekamen - besonders in den großen Tabloid-Blättern. Ständig gab es Affären und Skandale von Charles, Diana, Camilla, etc., die gnadenlos ausgeschlachtet wurden. Ähnlich verhielt es sich mit der Kirche, die auch zunehmend aufgrund ihrer antidemokratischen Haltung in einigen Themen in der Kritik stand. Und wir haben den Rundumschlag gemacht, haben dies alles in der Musik aufgezogen und weitergegeben. Die Zerrissenheit der Musik sollte den Niedergang der geheiligten Institution reflektieren und damit auch den Niedergang des großen britischen Empires. Und das ist natürlich keine schlechte Sache - wir sind nicht traurig darüber, daß es mit dem Ganzen zuende geht. Goodbye Great Nation, also: es ist sarkastisch gemeint.
AA: Wenn Nationen im Spiel sind, bekommt man immer automatisch ein schlechtes Gefühl. Besonders in Deutschland macht es wenig Sinn, von einer Nation zu reden, weil dann gleich die Blut und Boden-Konzepte der Vergangenheit hervorkriechen, die kein Mensch mehr braucht. Eine Nation, die immer über die politische hinausgehen will...
SM: Genau dieses Problem sprechen wir mit Goodbye Great Nation an. Die von uns kritisierten Institutionen berufen sich in ihrer Machtposition auf ihre Rollen zur Zeit des britischen Empire; sie gelten als nationale Institutionen. Mit dem modernen britischen Staat sind sie kaum mehr vereinbar. Schon die Tatsache, daß wir immer noch "Great Britain" genannt werden, ist verblüffend, wo es doch nichts mehr gibt, was "Great" zu nennen wert wäre. Aber bestimmte konservative Kreise der Gesellschaft tun sich sehr schwer, den Verfall der Institutionen hinzunehmen und zu akzeptieren. Darin liegt wohl auch das Hauptproblem der britischen Integration in ein vereintes Europa. Wenn man an Europa teilnimmt, so muß man im Team handeln und kann sich nicht mehr wie der große King aufführen und alles im Alleingang bestimmen. Aus dieser Haltung heraus ist es auch gekommen, daß viele Länder uns ökonomisch längst überholt haben, wie z.B. auch Deutschland. Großbritannien hatte bis in die 60er Jahre hinein das Vermächtnis des Zweiten Weltkrieges auf seiner Seite und galt als wichtigstes Land innerhalb Europas. Nun muß die Position neu erkämpft werden und ein Gleichgewicht erreicht werden. Das fällt vielen Starrköpfen sehr schwer.
AA: Würdet ihr euch eher als politsch "links" stehende Band bezeichnen?
SM: Auf jeden Fall. Auch wenn dies jedes Gruppenmitglied für sich selbst definiert, so kann man Contrastate als Band schon eher als "links" bezeichnen. Ich bin vielleicht der am stärksten politisch Interessierte in der Band. Ich finde es sehr interessant, über Politik zu lesen und sich darüber Gedanken zu machen. Ich beziehe viele meiner Ideen aus der Lektüre politischen Zeitgeschehens und bin generell daran interessiert, wie die Dinge zusammenhängen und wie Gesellschaften funktionieren. Natürlich möchte ich dies nicht in Form von einfachen Slogans in unsere Musik einbringen, aber versteckte Hinweise auf politische Momente sind durchaus vorhanden. Trotzdem möchte ich sagen, daß unsere Musik sehr gut für sich steht. Die hinter ihr liegenden Ideen können von interessierten Hörern weiterverfolgt werden, aber man kann sie auch als Musik an sich genießen. Unsere wesentlichen Werke, CDs und spezielle Live-Auftritte haben allerdings meistens ein durchgehendes Thema oder Motto, welches die Aufnahmen durchzieht und welches auf die Dinge, die uns zu jener Zeit interessierten zurückgeht. A Live Coal Under The Ashes zum Beispiel thematisiert die Veränderungen und Zustände in den osteuropäischen Ländern. Zu der Zeit beschäftigte ich mich viel mit der Ost-Politik und bereiste die Länder Rumänien, DDR und Polen.
AA: Worum geht es dann in A Thousand Badgers In Labour?
SM: Das ist wiederum eine Ausnahme. Hier liegt dem Album eine Art alptraumartiges Märchen zugrunde. Deshalb auch die düstere Grundstimmung des Albums. Unsere Singles sind fokussierter und direkter und oft nicht von so ernsthafter Natur wie unsere Alben. I Am A Clown Collecting Moments sollte nichts weiter sein, als eine verspielte humoristische Kollage. Oder Under The Line Laying North setzt sich mit der Obsession, die einige Leute in Bezug auf Eisenbahnen haben, auseinander.
AA: Aber was zum Teufel bedeutet denn A Thousand Badgers In Labour?!
SM: Nun: nichts wirklich. Badgers ist ein Dachs. Dies sind Tiere, die unterirdisch wudeln und flink sind. Außerdem reproduzieren sie in wahnsinnigem Tempo. Die Analogie war hier die zu den Gedanken, die sich auch schnell vervielfältigen, wenn ein Mensch ins Grübeln kommt. Gleichzeitig sind sie das Ergebnis geistiger Anstrengungen. Der Titel ist etwas ironisch gemeint und soll einfach nur auf den märchenhaften Charakter der Platte verweisen.
AA: Wenn es Lyrics gibt, sind die dann ausschließlich von Johnathan geschrieben oder stammen auch welche von Dir?
SM: Das meiste an Lyrics stammt schon von John. Er kann das einfach besser als ich. Er ist z.B. gerade dabei, aus dem Buch von Robert Irvine, worüber wir anfangs gesprochen haben, ein Theaterstück zu schreiben. Manchmal arbeiten wir an Texten zusammen oder er verwendet Ideen von mir, doch mindestens 75% der Texte stammen aus Johns Feder.
AA: Auf A Thousand Badgers... ist dieser Track Sleep Little Sister, den ich extrem gruselig finde und dessen Lyrics ich nicht für sehr gelungen halte. Geht es dort um eine Vergewaltigung oder was?
SM: Sleep Little Sister greift einen unserer ersten Songs wieder auf, in dem es um eine persönliche Begegnung ging. Diesen Inhalt haben wir dann in den Kontext eines bizarren Märchens übertragen, wo es darum ging, daß jemand Unbekanntes in das Innerste einer anderen Person eindringt und dessen geheimste Gedanken und Träume stielt. Dies dann in Analogie zu einer Vergewaltigung, die ja eben genau dies bedeutet, daß ein Mensch gegen seinen Willen "genommen" wird. Es ist ein grausames und unangenehmes Bild, aber genau das sollte es auch sein. Wir wollten mit diesem Bildnis nicht schocken oder so, und wir wollen auch nicht Vergewaltigungen gutheißen. Man sollte die Sachen nicht aus dem Kontext ziehen, sondern im Gesamten hören und ich glaube, dann werden die Hörer auch die richtige Vorstellung von unseren Absichten bekommen.
AA: Viele Bands des Industrial-/Experimental-Sektors setzen sich ja auch mit spirituellen Themen auseinander, wobei dann oft der Schluß herumkommt, daß Werteverluste zu beklagen sind und rückwärtsgerichtete Wunschvorstellungen als nonplusultra dargestellt werden. Ein Aspekt, der sich bei euch nicht entdecken läßt, auch wenn ihr euch ja auch mit Religion befaßt habt, wie z.B. auf dem Album i....
SM: Das stimmt. Ich finde es interessant, sich mit geistigen Dingen zu befassen und möchte jetzt auch nicht über andere Bands urteilen. Aber es erscheint mir wenig sinnvoll, den Blick nur in die Vergangenheit zu richten und z.B. zu sagen, wir müssen zurück zur Natur finden oder so etwas. Wir werden nicht zurück zur Natur finden, indem wir ohne materielle Güter in Höhlen leben. Oft erscheint mir die Hinwendung zum Spirituellen in der Musik nur wie eine andere Form des Eskapismus. Mit unserem Album i haben wir uns vor allem mit dem Verhältnis von Religion und Individuum befaßt - inwiefern religiöse Überzeugungen eine Person in ihrem Handeln beeinflussen kann und inwiefern auch das Individuum die Chance hat, aus seinem Glauben für sich selbst Stärke zu ziehen. Eigentlich ging es bei diesem Album mehr um das Individuum denn um Religion an sich. Auch die Grundhaltung des Christentums wurde vor diesem Hintergrund kritisiert - im Christentum richtet sich vieles der Gebote und Regeln an die Konsequenzen im Jenseits. Man soll ein gutes Leben führen, um später zu Gottes rechter Hand im Himmel zu sitzen. Nun, ich denke, daß viele Menschen lieber ein anständiges Leben im Jetzt haben und sich über die Folgen ihres Handelns für ihre unmittelbaren Mitmenschen Gedanken machen sollten, als darüber, was das für ihr späteres Fristen im Himmel wohl bedeuten könnte. Wer weiß schon, was im Himmel sein wird. Vielleicht muß man erstmal in einer riesigen Schlange stehen.... Ich glaube nicht, daß es einen Gott im Himmel gibt, der nur darauf wartet, die Menschen für ihr Tun zu bestrafen. Gott hat uns die Fähigkeiten des Sehens, des Denkens gegeben - sicher, damit wir sie im Jetzt gewinnbringend anwenden und nicht auf eine unsichere Zukunft hoffen.
With kind permission by Auf Abwegen Magazine,
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